Förderverein für regionale Entwicklung
 
 

Hans-Jochen Vogel im Glaubensforum der Pfarrei Miesbach 2005

H J VogelHans-Jochen Vogel ist am 26. Juli gestorben.

 

Über sein politisches Wirken ist in den letzten Tagen viel geschrieben worden.


Weniger bekannt ist, dass er Miesbach stets eng verbunden war.
Er schreibt (im Jahr 2005): "

  • Meine Großmutter besaß seit der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts in der Wies das Anwesen Ratzenlehen. Meine Ferienaufenthalte bei ihr gehören zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen.
  • Nach dem Krieg war ich im Jahre 1949 unter der Obhut meines Onkels neun Monate lang als Gerichtsreferendar am Amtsgericht tätig.
  • Seit mehr als zehn Jahren treffen wir uns in Ratzenlehen auf Einladung meiner Cousine Annemarie Brinz regelmäßig zu einem Familienadvent. Da ist dann auch immer mein Bruder dabei."

Er erinnert sich auch an Pfarrer Trasberger und an Kaplan Karl Forster, später der erste Direktor der neu gegründeten katholischen Akademie in München. Und an den unvergessenen Rudolf Pikola, Miesbachs Bürgermeister von 1960 bis 1970.

 

Glaubensforum 2005

Völlig in Vergessenheit geraten ist aber, dass der Katholik Hans-Jochen Vogel am 28. Feb. 2005 auf Einladung von Pfr. Meulemann beim Glaubensforum der Pfarrei im Miesbacher Gymnasium gesprochen hat.

Das Bayerische Fernsehen war damals dabei. Einige Bilder daraus tauchten wieder auf in der Sendung "Köpfe in Bayern - Hans-Jochen Vogel" (BR-Fernsehen 27.7.2020 und ARD-Mediathek).

Das Foto rechts ist dieser Sendung entnommen.

 

Seinen Vortragstext "Christsein in der Politik" hat uns Dr. Vogel damals überlassen. Eine Lektüre "15 Jahre später" zeigt, wie wichtig und zukunftsweisend sein damaliger Text ist. Für alle, denen elf Seiten zuviel sind, hier einige Auszüge:

 

Grundwerte - archimedischer Punkt

"Ja, für mich gab und gibt es einen solchen Sinn und eine belastbare Orientierung für mein Handeln. Beide wurzeln in meiner Vorstellung von einem persönlichen Gott, dem ich Rechenschaft schulde und in der Anerkennung bestimmter Grundwerte, für die mir die christliche Botschaft eine überzeugende Begründung liefert. ... Und es verbietet mir, Menschen als Objekt, also als Mittel zum Zweck zu instrumentalisieren. ... Mir ist bewusst, dass andere auf anderen Wegen - etwa mit Hilfe des kategorischen Imperativs - zu vergleichbaren Folgerungen gelangen. ...  ich käme mir wie ein Sandkorn im All vor, wenn ich diesen archimedischen Punkt nicht besäße oder wenn ich ihn verlöre."

 

"... dem geringsten meiner Brüder ..." - Bürgerkriegsflüchtlinge und Arme im eigenen Land

"Für mich war dabei neben anderen die Stelle bei Matthäus im 25. Kapital besonders bedeutsam, an der es heißt: ”Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan” und an der gesagt wird, worum es dabei geht. Nämlich um die Not und die Bedürfnisse der Hungrigen und Durstigen, der Fremden und Obdachlosen, der Unbekleideten, der Kranken und der Gefangenen. Diese Stelle empfinde ich nicht als eine erbauliche Erzählung, sondern als einen konkreten Anruf in unsere Gegenwart hinein, der sich ohne weiteres auf die Asylbewerber und die Bürgerkriegsflüchtlinge, also auch die Fremden, die heute um Aufnahme bitten und auf die Armut und Not in der südlichen Hemisphäre, aber auch in unserem eigenen Land bezieht."

 

die offiziellen Positionen meiner Kirche ...

"Mein Christsein möchte ich indes nicht in Frage gestellt wissen, weil ich mit bestimmten offiziellen Positionen meiner Kirche Probleme habe oder ihnen nach reiflicher Überlegung nicht zu folgen vermag."

 

Allmachtsphantasien oder christliche Orientierung

"In einer solchen Phase der Menschheitsgeschichte gewinnt der christliche Glaube an Bedeutung, wenn - ja wenn er den Menschen Orientierung und Lebenssinn zu geben und sie davor zu bewahren vermag, sich einfach treiben zu lassen oder nur noch ihren eigenen Vorteil zu suchen. ... Und dazu gehört das Wissen darum ... dass dem Menschen unübersteigbare Grenzen gesetzt sind und er Gott lästert, wenn er sich für allmächtig erklärt."

 

Kirche und europäische Entwicklung

"Da hilft es, sich ein wenig zu besinnen. Darauf etwa, dass die europäische Entwicklung in den letzten zweitausend Jahren maßgebend vom Christentum geprägt worden ist. Die Kultur, das Bildungswesen, die individuellen und sozialen Verhaltensregeln und auch die Grundprinzipien der Staatsorganisation standen weitgehend unter christlichem Einfluss. Das hat sich für Europa und auch für Deutschland insgesamt positiv ausgewirkt. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass die Kirche in dieser Zeit mehr als einmal schlimmen Fehlentwicklungen nur unzureichend widerstand und selbst in zentralen Fragen schwere Schuld auf sich lud."

 

Aktivierung des ethischen Potentials - ohne Rücksicht auf die Reichen und Mächtigen

"Nach meiner Überzeugung muss Kirche auch und gerade in der vor uns liegenden Zeit in unserem Gemeinwesen eine substantielle Rolle spielen und den Menschen helfen. Nicht als Zwangmeisterin der Gläubigen - das hat ihr wohl ihr Weg durch die Jahrhunderte deutlich gemacht. Aber aufgrund des ihr von ihrem Stifter zuteil gewordenen besonderen Auftrags und des zeitlosen Orientierungsmaßstabs, der ihr durch das Evangelium vermittelt wird. Diese Grundlage ihrer Verkündung soll die Kirchen frei machen von der Rücksichtnahme auf die Reichen und die Mächtigen und auch frei von der Rücksichtnahme auf Gruppeninteressen oder den Beifall derer, die die öffentliche Meinung prägen. So kann sie einen entscheidenden Beitrag zur Bewahrung und Aktivierung des ethischen Potentials leisten, ohne das unser Gemeinwesen ungeachtet immer neuer Wachstumsrekorde verdorren und unsere Gesellschaft in den Kampf aller gegen alle zurückfallen würde..."

 

Mit freundlicher Zustimmung von Fr. Vogel können Sie hier den gesamten Vortrag im Wortlaut lesen.