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Weitere Interviews mit Pater Primus Asega

Im neuen Pfarrbrief steht ein Interview mit Pater Primus Asega aus der Diözese Arua, Uganda.

Er kommt seit vielen Jahren zur Urlaubsvertretung im Sommer nach Miesbach.

Frühere Interviews mit ihm können Sie hier nachlesen.

 

1. Aus dem Parsberger Pfarrbrief Weihnachten 1913:

Gesellschaftliche Situation in Uganda

Pater Primus, Sie kommen jetzt schon 13 Jahre zu uns …
Ich habe hier schon drei Pfarrer erlebt, nur ich bin hier offenbar die Konstante ! (alle lachen)
Uganda Landkarte

Wo sind Sie in Uganda zu Hause ?

Die Diözese Arua ist im Norden von Uganda in Ostafrika.

Wie geht es in Uganda?

Wie soll ich anfangen ? Uganda wurde von den Engländern kolonisiert …

Dann hat uns Pater Primus ausführlich seine Sicht der neueren Geschichte Ugandas erzählt – hier als Tabelle dargestellt:

 

1864

Uganda wird englisches Protektorat.

1962

Unabhängigkeit, Milton Obote wird Premierminister.

1966

"pigeon hole constitution“: Neue Verfassung ohne Abstimmung durch Obote, Einparteiensystem.

1971

Militärputsch durch Idi Amin, Schreckensherrschaft, Ermordung von 300.000 Oppositionellen. Obote geht nach Tansania.

1979

Sturz Idi Amins durch tansanisches Militär.

1980

Obote kommt durch scheindemokratische Wahl wieder an die Regierung

1986

Rebellenführer Yoweri Museveni erobert Kampala und wird Präsident.

1996

Erst jetzt wird Museveni demokratisch gewählt.

bis 2010

Rebellenführer Joseph Kony terrorisiert vom Sudan aus die Bevölkerung, u.a. mit Kindersoldaten.

heute

Yoweri Museveni und sein Familienclan regieren Uganda seit 27 Jahren, obwohl die Verfasung nur eine Regierungszeit von max. 10 Jahren zulässt.

Berliner Konferenz

Durch die Kolonisierung wurde die künstliche Einheit Uganda geschaffen.

Ja, es sind über 40 Stämme. Die neue Landkarte von Afrika wurde in Deutschland, in Berlin, gemacht. Auf dem Papier. Am grünen Tisch. (Die Berliner „Kongo-Konferenz“ 1884/85 auf Einladung von Kaiser Wilhelm II.) Die Grenzen laufen zwischen Leuten, die zusammen sein wollen. In meiner Heimat gibt es den Stamm der Lugbara. Die ugandisch-kongolesische Grenze geht mittendurch. Aber die Leute sind verwandt.

 

Uganda Sprachen

Wie viele Sprachen gibt es allein in ihrer Diözese?

Wir haben vier Sprachen, eigentlich fünf. Wir haben drei einheimische afrikanische Sprachen, ohne die Dialekte zu zählen. Dann Englisch als Amtssprache. Und dann noch Kisuaheli.

Wie viele Sprachen gibt es in Uganda?

Man spricht von 42 Sprachen (ohne die Dialekte, bei ca. 35 Mio. Einwohnern). Ich selbst beherrsche zwei Muttersprachen. Die anderen muss ich vorlesen – so wie deutsch (lacht). Lesen und verstehen kann ich die, aber nicht sprechen. Ich predige dann in Englisch oder in der mir bekannten Sprache und jemand anderes übersetzt das dann.

 

Wie geht es im täglichen Leben? Wie geht es wirtschaftlich?

Die Leute sind immer noch arm, es gibt wenige, die sehr reich sind. Es gibt nicht nur den Unterschied Afrika - Europa, sondern es gibt auch sehr starke wirtschaftliche Unterschiede zwischen Afrikanern. Man wundert sich, woher die dieses Geld haben. Wir vermuten, dass die mit den Steuern das Geld von den Leuten klauen. Die Mehrheit ist arm, sie leben im Durchschnitt von weniger als 1 $ pro Tag. Wenn meine Mutter zum Einkaufen geht, für 8-10 Leute, dann braucht sie 3000 Uganda-Shillings , ungefähr 1 €.

Wie sieht es bei der Ausbildung aus ?

Zur Grundschule kann jeder gehen. Wenn man aber in eine „Secondary School“ (etwas wie ein Gymnasium hier) gehen will, kommen die Schwierigkeiten. Und zur Universität können die Armen ihre Kinder nicht schicken.

Zum Einfluss der Kolonisierung: Was hat sie in Afrika verändert ?

In Uganda spürt man die Kolonialzeit bis jetzt, z.B. in der Bildung. In die Schule zu gehen heißt dort, nachher eine Arbeit zu bekommen (“white collar jobs“ - Büroarbeiten). Die Schulbildung kümmert sich nicht um Berufe, die auf dem Land ausgeübt werden, z.B. Vieh zu züchten und Land zu bebauen. Das ist Kolonial-Mentalität.

Primus SchuleDeshalb wollte ich ursprünglich eine Berufsschule aufbauen. Aber die Sekundarschule war wichtiger (siehe unten).

Das, was Sie bauen, ist eine „Secondary School“?

Wir haben gesagt, vielleicht sollten wir eine Schule bauen, die nicht zu teuer ist, so dass es sich die Eltern leisten können. Sie zahlen bei uns im Jahr etwa 30 €. Wir haben jetzt 120 Schüler und es geht gut. Wir bekommen Geld vom Pfarrverband Miesbach und auch von der Sternsingeraktion. Wir haben die Gebäude jetzt komplett. Jetzt brauchen wir noch Möbel, Wasserleitungen und Strom.

Wie sieht es mit Lehrern aus?Primus Schüler

Wir haben 21 Teilzeit-Lehrer für die verschiedenen Fächer. Der Schulleiter und sein Assistent und noch einige andere sind in Vollzeit beschäftigt. Vom Schulgeld finanzieren wir die Lehrer und etwas zu Essen pro Tag, z.B. Porridge (Haferbrei). Für das Mittagessen müssen sie aber selbst sorgen.

Welche Schüler nehmen Sie auf ?

Unsere Schule ist eine katholische Schule, sie ist aber für alle offen. Auch die Muslime könnten da rein. Es kommt auch tatsächlich eine Reihe davon. Die Mehrheit stellen aber Katholiken und Anglikaner.

Primus viele SchülerWie hoch ist der Anteil der Muslime in Ihrem Gebiet ?

Im ganzen Bistum sind es ungefähr 10%. Aber sie sind sehr einflussreich wegen ihrer Schule und der Moschee.

Wie geht es mit der Ausbildung der Mädchen?

Es gab früher Mädchen, die überhaupt nicht zur Schule gingen. Unser Ziel ist es, dass alle in die Schule gehen. Es wird aber jetzt langsam besser. Inzwischen haben wir schon etwa 40 % Mädchen.

 

2. Aus dem Parsberger Pfarrbrief Ostern 1914:

Kirchliche Situation in Uganda

Wie lange gibt es die kath. Kirche in Uganda schon?

Im letzten Jahr hatten wir die 100-Jahrfeier unseres Bistums Arua. Die Missionierung hat im Süden angefangen, dann ist sie langsam in den Norden vorgedrungen. Die ersten Missionare sind 1912 zu uns gekommen. Die englischen Kolonisten waren ja schon früher da.

Primus mit weißem TalarWie feiern Sie die Liturgie ?

Wir feiern nach römisch-katholischem Ritus. Aber bei uns ist es laut, viel singen und tanzen. Wir machen sehr gerne körperliche Bewegungen. Hier (in Europa) ist es mehr meditativ und die Leute konzentrieren sich. Bei uns muss es fröhlich sein, wenn es keine Beerdigung ist. (lacht)

Wie läuft das ab?

Die Liturgie ist sehr lang. Die Leute singen, es gibt viele Prozessionen, am Sonntag besonders. Der Einzug ist eine Prozession. Das Evangelienbuch wird mit einer Prozession gebracht. Die Gaben werden in einer Prozession gebracht. Am Ende gibt es auch eine Prozession. Wir lesen immer auch alle drei Lesungen, in der Osternacht alle neun.

Es gibt viele Kinder, obwohl die Kindersterblichkeit hoch ist. Getauft werden oft 20 – 40 Kinder auf einmal und das dauert dann. Firmungen sind für über 100, manchmal 300 Firmlinge.

Welche Musik machen Sie im Gottesdienst?Kommunion

Unsere Musik ist sehr einfach. Man geht einfach her und singt. Man braucht keine Noten. Die Instrumente sind auch sehr einfach: Trommel, Harfe, Gitarre. Wir brauchen keine Orgel (lacht). Die Musik ist einfach und viele Leute singen ganz spontan. Wir haben auch Chöre, aber auch ohne ist es kein Problem. Jemand stimmt das Lied an und alle singen. Hier gibt es einen Organisten und die Leute halten sich sehr zurück. Das Leben ist bei uns spontaner. In Deutschland ist es sehr bürokratisch.

Sie feiern die römische Liturgie. Gibt es überhaupt eine afrikanische Liturgie ?

Nein. Was wir aber machen, ist Inkulturation. Wir fügen etwas Afrikanisches dazu.

Beim Sanktus, da sind die Hände alle oben, denn wir wollen eine Verbindung mit dem Himmel haben. Wir haben auch farbige Messgewänder und solche aus einheimischen Materialien. Getreidespeicher in Malawi

Die Opferung geschieht mit der Zeremonie, mit der früher die Gaben den Häuptlingen gebracht wurden. Die Evangeliums­prozession ähnelt den früheren Besuchen eines Königs in einem Dorf.

Es gibt aber auch eigene Riten, z.B. im Kongo: Sie machen den Friedensgruß ganz am Anfang, nicht nach dem Vaterunser. Wenn man hereinkommt, soll man den Frieden geben, dann kann man anfangen, etwas zu tun. Nicht danach. Das ist auch genehmigt von Rom.

Würden Sie an ihrem Ritus gerne etwas verändern ?

Wir haben die Freiheit, etwas zu gestalten: Für die Gabenprozession haben wir z.B. eine „granary“ (übersetzt: Vorrats-Getreidespeicher aus Holz oder Ton) die aussieht wie eine kleine Hütte, aber auf Stelzen.

In einen solchen Speicher legen wir das Evangelienbuch. Die Bedeutung ist: Das Wort Gottes ist wie Getreide. Es ernährt uns. Solche Elemente fügen wir ohne Probleme in den römischen Ritus ein.

Können die Laien im Gottesdienst mitwirken?Primus mit Laienhelfern

In den Pfarreien gibt es Leute, die sich über die Sonntagsfeier Gedanken machen. Wenn sie dann einen Vorschlag haben, kommen sie zum Pfarrer und der kann das dann durchführen oder nicht. Er kann es auch an andere Pfarreien weitergeben. Und so kann es dann auch eine Sache für das ganze Bistum werden. Die Freiheit dafür ist da. Es gibt immer etwas Neues. Kreativ sein, ist erlaubt.

Welchen Rat hätten Sie für die Pfarreien bei uns, auf Grund Ihrer afrikanischen Erfahrungen?

In Europa und Afrika, das sind verschiedene Gesellschaften.
In Afrika gibt es ein Verbindung vom Bischof bis zu den Familien. Das macht die Kirche bei uns lebendig.
Die Pfarreien sind nun in Zonen unterteilt und jede Zone hat einen Katechisten. Die Zone ist aus einer Reihe von „small christian communities“ aufgebaut. Da sind jeweils 15 bis 20 Familien zusammen. Das ist die eigentliche Stärke unserer Ki
Gottesdienstrche. Die haben viele eigene Aktivitäten.
Die beten mindestens einmal in der Woche zusammen. Die bauen manchmal gemeinsam etwas. Die besitzen Geschirr gemeinsam. Die kennen sich sehr gut und halten zusammen. Die kennen auch die Kinder untereinander.

Sie wirken auch bei der Liturgie mit. Es heisst dann: Am nächsten Sonntag bereitet die „Small christian Community St. Josef“ etwas vor (sie heissen nach Heiligen). Die sind sehr aktiv.

Welche Aufgabe haben da die Seelsorger ?

Natürlich müssen die Seelsorger diese Gruppen auch besuchen, also der Pfarrer oder Kaplan, einmal im Jahr mindestens. Und dann feiern sie zusammen die Eucharistie – unter einem Baum oder so. Der Katechist kommt öfter und fragt, wie es ihnen geht, ob jemand die Krankenkommunion braucht, er schaut auch nach Mitarbeitern, nach Berufungen. Das hält uns sehr lebendig.

Meinen Sie, so etwas ginge auch bei uns ?

Ob so etwas hier passen kann, das weiß ich nicht.
Was ich hier sehe, ist, dass sich die Leute zu sehr zurückhalten. Alles ist zu sehr freiwillig. Für die „Small christian Communitiy“ sind Gebiete festgelegt. Alle, die darin wohnen, gehören zusammen. Es ist wie in einer Familie. Die kann man sich auch nicht heraussuchen.

Was erwarten Sie von Papst Franziskus für Afrika ?Off-Road-Wagen, hier wirklich erforderlich

Ich sehe seine Einfachheit. Er will diese Idee des Franziskus leben. Er hat bei sich selber angefangen. Er wird das Geld schon dorthin schicken, wo es gebraucht wird.

Der Papst ruft die Leute zum einfachen Leben auf. Einfache Handys, einfache Autos. Das gilt aber nicht überall. Wenn ein Bischof bei uns ein einfaches Auto hat, kommt er in der Regenzeit einfach nicht vorwärts. Er braucht einen Geländewagen.

Interviews: Hermann Kraus